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Entwicklung innovativer Tarifmodelle für Energieversorger

Ausgangslage und Vorgehen –

31. und nicht 1. August. Dieses Datum kennen viele von uns. Der 31. August steht für die Publikation der Stromtarife in der Schweiz. Im Vorfeld des 31. Augusts sind wir immer wieder mit den gleich Fragen konfrontiert “Ja, müssen wir nun unsere Tarife ändern?!?”. Und sicher gibt es irgendjemanden innerhalb oder ausserhalb vom EW der sagt “diese Hoch- und Niedertarife sind doch absolut veraltet; das brauchts nicht mehr; macht doch time-of-use oder peak-pricing oder noch besser real-time-pricing”, …

Und dann gibt es die, die sagen “ja nicht; solange wir noch keine Smart Meter und komplette Marktöffnung haben, lohnt sich der ganze Aufwand gar nicht, sich hierzu Gedanken zu machen”. Und spätestens dann kommt jemand, der fragt, ob es jetzt nicht einen Spezialtarif für sein Elektroauto gäbe…

Genau mit diesen Fragen waren auch die EWs Walenstadt, Buchs, Maienfeld, Quarten und Grabs konfrontiert. Sie haben sich entschlossen diese Fragen gemeinsam strukturiert anzugehen. Was gibt es überhaupt für Tarifmodelle? Was liegt gerade im Trend? Was wollen überhaupt die Endkunden? Was ist regulatorisch zu beachten und überhaupt zulässig? Und wohin bewegt sich die Technik? Kurz: Wie können zukunftsfähige Tarifmodelle aussehen. In 6 Schritten und über 6 gemeinsame Arbeitssitzungen durften wir die EW’s in der Bearbeitung dieser Fragen begleiten.

Schritt 1: Benchmarking

Das Rad muss ja nicht immer neu erfunden werden. Deshalb haben wir in einem ersten Schritt Research und Benchmarking betrieben und mal geschaut, wie das anderen angehen. Wir haben es aber nicht dabei belassen. Wir haben auch den Blick über unsere Grenzen gewagt und geschaut was unsere Nachbarn – ob sie nun näher oder weiter weg sind – so machen. Wir haben uns auch die Frage gestellt, ob sich hinter all den fancy Begriffen für neue Tarifmodelle nicht einfach auch schon altbekannte Konzepte stecken. Schliesslich ist auch das altbewährte Hoch- und Niedertarifmodell eine Form von “time-of-use”… Diese Analyse war sehr wertvoll und hat viel Klarheit gebracht. Was es gibt, was es geben könnte, aber auch was funktioniert und was bei den Kundinnen und Kunden nicht ankommt.

Zusammenfassende Darstellung der verschiedenen Tarifmodelle:

Schritt 2: Bedürfnisanalyse mittels personas

In einem zweiten Schritt dann haben wir uns auf die Bedürfnisse der Endkunden aber auch die der EVU konzentriert. Wir haben uns dazu die Brille unserer Endkunden aufgesetzt und methodisch nach dem Konzept der “Personas” gearbeitet. Und wir haben uns mit dem Bedürfnis “weniger zahlen wollen” als Schlag-mich-tot-Argument nicht zufrieden gegeben. Wir haben uns aber auch selber gefragt, was unsere Anforderungen als EW ganz allgemein und als Verteilnetzbetreiber im Speziellen sind.

Schritt 3: Optionen ausarbeiten

Daraus konnten wir dann Kriterien für den dritten Schritt, die Ausarbeitung von Optionen und deren Bewertung ausarbeiten. Nachdem wir uns dann gemeinsam auf die Optionen geeinigt hatten, welche wir weiterverfolgen wollten, kam die wohl intensivste aber auch spannendste Arbeit.

Schritt 4: Simulation der Tarifmodelle

Der vierte Schritt. Dieser bestand in der Simulation der neuen Tarifmodelle. Auf Basis der historischen Verbrauchsdaten wurde für jede einzelne Kundin und Kunden die Auswirkungen der neuen Tarifmodelle berechnet. Dabei wurden die Modellparameter so gewählt, dass über alle Kundengruppen das Total der Einnahmen des EWs konstant blieb. Mit diesen Daten konnte dann genau analysiert werden, welche Verbrauchsmuster mit den neuen Tarifmodellen zu tieferen und welche zu höheren Netz- und Energiekosten führen würden. Wir konnten diejenigen Kunden identifizieren, die bei einem Tarifmodellwechsel am stärksten betroffen sein würden. Diese Erkenntnis war auch wichtig für das Kommunikationskonzept (s. Schritt 6). Wie so oft bei der Arbeit mit Daten war das Projekt auch eine gute Gelegenheit um die Datenqualität zu erhöhen – so konnten doch einige «Fehler» in der bisherigen Verrechnung  identifiziert und bereinigt werden.

Schritt 5: Juristische Abklärungen und Verabschiedung

Die Ergebnisse wurden dann im fünften Schritt zusammen mit den Ergebnissen aus den Abklärungen mit der ElCom diskutiert und das Tarifmodell mit Justierungen schließlich verabschiedet. Wir hatten im Vorfeld 4 zentrale Kriterien definiert. a) die Kundenfreundlichkeit des Tarifmodells im Sinne der Verständlichkeit, Plausibilität und Einfachheit, b) die regulatorische Zulässigkeit, c) die Einfachheit zur Umsetzung in den bestehenden Systemen (in unserem Fall waren das primär IS-E) und d) die Zukunftsfähigkeit im Sinne der Kompatibilität mit dem anstehenden oder laufenden Smart Meter Roll Out.

Schritt 6: Sicherstellung Kundenkommunikation

Es fehlte nur noch der sechste Schritt. Die Erstellung der Kommunikation. Damit wir dann eben parat waren auf den ominösen 31. August, die Publikation der neuen Tarife. Dazu hatten wir einerseits einen Tarifrechner erstellt. Dieser wurde in die Websites der EW’s eingebettet damit die Kundinnen und Kunden bereits schon im Vorfeld den Vorher-Nachher-Effekt sehen konnten. Andererseits haben wir ein Q&A für den Kundendienst der EW’s vorbereitet. Erfahrungsgemäss sind bei solchen Umstellungen ja immer die Mitarbeitenden an der Front – sei es die Zählerinstallateure, die Zählerableser und der Kundendienst am Telefon und am Schalter sehr stark gefordert.

Die realen Auswirkungen haben dann die Kundinnen und Kunden aber erst später gemerkt. Ab dem 1. Januar. Ab dann traten die neuen Tarifmodelle ja in Kraft und spätestens einen Monat später haben es dann auch die ersten Endkunden anhand ihrer Rechnungen bemerkt.

Mit guter Simulation, umsichtiger Abfederung von zu starken Preiseffekten bei Kundinnen und Kunden mit speziellen Rahmenbedingungen und begleitenden kommunikativen Massnahmen inkl. Tarifrechner haben wir uns auf die Kundenkommunikation vorbereitet.

Fazit und Resultat

Sie fragen sich nun sicher “ja, aber was wurde denn nun umgestellt? Wie sieht das neue Tarifmodell aus? Ist es ein time-of-use-Tarif, oder ein peak-pricing, oder ein markt-gekoppelter real-time-Tarif?” Nein. Es ist ein simpler Einheitstarif mit Rabatt für den Endkunden, wenn er dem EW seine Flexibilität zum Steuern gibt. “Much ado about nothing” also? Nein. Im Zentrum unseres Modells steht die Überzeugung, dass die Steuerung von Flexibilitäten (Wärmepumpe, Elektroladestationen, Speicher, PV-Anlagen, etc.) künftig immer wichtiger wird. Sei es für den Endkunden im Rahmen seiner Eigenvebrauchsoptimierung, aber auch für das EVU in seiner Rolle als Verteilnetzbetreiber. Die Analysen – und vor allem, dass wir uns gezwungen haben, uns in den Endkunden zu versetzen – haben uns vor der Gefahr bewahrt, uns für zwar sexy, aber hoch komplexe Tarifmodelle zu entscheiden. Und ein zweiter wichtiger Grund für unsere Wahl eines Einheitstarif liegt in seiner Kompatibilität mit der aktuellen und künftigen Messtechnologie. Wir wollten einen kundenfreundlichen und zukunftsfähigen Tarif, der einfach umsetz- und abbildbar in den bestehenden Systemen und Prozessen ist . Und der dritte Grund für die Wahl des Einheitstarifs liegt in seiner Einfachheit. Er ist einfach verständlich für Kundinnen und Kunden.

Dank dem Einheitstarif mit Rabatt haben die EW’s eine grössere Chance, dass sie die Flexibilitäten der Endkunden weiter steuern können. Das war letztlich der vierte Grund für die Wahl des Einheitstarifs.

Wir danken Walenstadt, Buchs, Maienfeld, Quarten und Grabs für ihren Mut für dieses Projekt! Tarifumstellungen sind immer sehr heikel. Die positiven Reaktionen der Kundinnen und Kunden der EW’s haben uns in aber in unserem Entscheid bestätigt. Wir sind auf dem richtigen Weg und haben mit dem Einheitstarif einen pragmatischen Ansatz gefunden die Tarifmodelle zukunftsfähig, kundenfreundlich und einfach umsetzbar zu gestalten.

Vom ersten Arbeitsmeeting bis zum Abschluss des Projektes inkl. der Simulation der Tarifmodell für jedes EW lagen 6 Monate mit 3 Arbeitsmeetings und 3 Steerings.

Wünschen sie vertiefte Informationen? Spielen sie ebenfalls mit dem Gedanken, ihre Tarifmodelle zu überarbeiten? Marc Handlery und Samuel Enggist stehen ihnen jederzeit und gerne für einen Austausch zur Verfügung.